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Die Angst hinter der Angst, was wir wirklich fürchten

  • Autorenbild: yvonnebuttet
    yvonnebuttet
  • 16. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit
Die Angst hinter der Angst

Viele Menschen kommen mit einer klar benannten Angst.


  • Angst vor Nähe.

  • Angst vor Verlust.

  • Angst vor Entscheidungen.

  • Angst vor der Zukunft.

  • Angst zu scheitern.


Doch in meiner Praxis zeigt sich immer wieder. Diese Angst ist selten die eigentliche Angst. Sie ist oft nur die äussere Schicht. Darunter liegt etwas Tieferes. Etwas Grundsätzlicheres. Etwas, das wir gelernt haben zu vermeiden.


Angst ist wie eine Zwiebel


Angst funktioniert nicht linear, sie ist geschichtet. Die äusseren Schalen sind meist konkret, greifbar und rational erklärbar:


  • „Ich habe Angst, allein zu bleiben.“

  • „Ich habe Angst, Fehler zu machen.“

  • „Ich habe Angst, mich zu verändern.“

  • „Ich habe Angst, mich zu zeigen.“


Doch wenn wir diese Schichten behutsam abtragen, taucht oft eine andere Ebene auf, eine Urangst, die viel älter ist als die aktuelle Situation.


Was sind Urängste?


Urängste sind tief verankerte existenzielle Ängste, die unser Nervensystem prägen, oft schon in der frühen Kindheit, manchmal unbewusst. Zu den häufig diskutierten Urängsten gehören in vielen psychologischen Ansätzen:


  • Angst vor Verlassenwerden

  • Angst vor Ablehnung

  • Angst, nicht genug zu sein

  • Angst, die Kontrolle zu verlieren

  • Angst, keine Bedeutung zu haben

  • Angst vor dem Tod oder der Vernichtung


Es gibt also keine endgültige Liste. Verschiedene Psychologen, Therapeut:innen und Philosoph:innen definieren Urängste unterschiedlich, je nach theoretischem Hintergrund oder klinischer Erfahrung. Die Beispiele oben sollen zeigen, wie tief und universell diese Ängste wirken und dass sie oft die Ursache hinter den alltäglichen, oberflächlichen Ängsten sind, die wir bewusst wahrnehmen. Diese Ängste sind nicht logisch entstanden, sie sind erlebt worden. Und sie wirken weiter, auch wenn wir längst erwachsen sind.


Warum wir oft die falsche Angst bekämpfen


Viele Menschen versuchen, ihre Angst auf der äusseren Ebene zu lösen:


  • Sie optimieren ihr Verhalten

  • vermeiden bestimmte Situationen

  • kontrollieren sich stärker

  • passen sich an

  • denken mehr nach


Doch die Angst bleibt. Warum? Weil man eine Urangst nicht „wegdenken“ kann.

Wenn jemand z. B. sagt: „Ich habe Angst vor Nähe“, dann liegt darunter oft nicht die Angst vor Beziehung, sondern die Angst: „Wenn ich mich zeige, werde ich verletzt oder verlassen.“

Die Nähe ist nicht das Problem. Sie ist der Auslöser.


Typische äussere Ängste und was darunter liegen kann


  • Angst vor Entscheidungen→ Angst, falsch zu sein oder Schuld zu tragen

  • Angst vor Veränderung→ Angst vor Kontrollverlust oder Unsicherheit

  • Angst vor Erfolg→ Angst vor Sichtbarkeit oder Erwartungen

  • Angst vor Nähe→ Angst vor Verletzlichkeit oder Abhängigkeit

  • Angst vor dem Alleinsein→ Angst, nicht liebenswert zu sein


Die eigentliche Angst lautet oft nicht: „Was, wenn es nicht klappt?“

Sondern: „Was sagt das über mich?“


Warum die innere Angst so mächtig ist


Urängste sind mit frühen Bindungserfahrungen verbunden. Das Nervensystem hat gelernt:


  • Wie sicher ist Nähe?

  • Wie verlässlich sind andere?

  • Wie viel Raum darf ich einnehmen?

  • Wie werde ich behandelt, wenn ich Bedürfnisse habe?


Diese Erfahrungen speichern sich nicht als Erinnerungen, sondern als Körperwissen.

Deshalb reagieren wir manchmal überproportional. Nicht, weil wir übertreiben, sondern weil etwas Altes berührt wird.


Was hilft, der Angst hinter der Angst zu begegnen?


1. Nicht gegen die Angst arbeiten

Angst will nicht bekämpft werden. Sie will verstanden werden.

Der Satz:„Was genau fürchtest du gerade?“ öffnet oft mehr als jede Strategie.


2. Die Angst personifizieren

Manchmal hilft es, die Angst nicht als Feind zu sehen, sondern als Anteil: „Was willst du mir zeigen?“„Wovor willst du mich schützen?“

Hinter jeder Angst steckt ein Schutzversuch.


3. Die darunterliegende Bedeutung erforschen

Nicht:„Was passiert dann?“sondern: „Was würde das über mich bedeuten?“

Hier liegt oft der Kern.


4. Den Körper einbeziehen

Urängste sitzen nicht im Kopf. Sie sitzen im Nervensystem.

Atem, Erdung, Körperwahrnehmung und langsames Tempo helfen mehr als Analyse allein.


5. Beziehung als Heilraum

Viele Urängste entstanden in Beziehung und heilen auch dort.

Gesehen zu werden, ohne bewertet zu werden, verändert das innere Erleben nachhaltig.


Fazit: Die Angst hinter der Angst ist kein Feind, sie ist eine Spur


Wenn wir beginnen, unsere Angst wie eine Zwiebel zu betrachten, verändert sich der Blick.

Wir hören auf, uns zu verurteilen. Wir hören auf, gegen uns zu kämpfen. Wir beginnen zu verstehen. Die eigentliche Angst lautet selten: „Was, wenn etwas schiefgeht?“

Sie lautet oft: „Was, wenn ich nicht gehalten werde?“

Und genau dort beginnt echte innere Arbeit, nicht mit Mut, sondern mit Mitgefühl.

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